• 8. September 2026

Wie viel Political Correctness verträgt die Sprache?

Von Dr. Andrea Haarmann
Gelbes Ortseingangsschild mit der Aufschrift „Political Correctness – Words Have Power“ vor einer kurvigen Straße und blauem Himmel.

Wie viel Political Correctness verträgt die Sprache?

Wie viel Political Correctness verträgt die Sprache? 1060 750 Comlexis
Wer hat es nicht schon gehört oder gelesen: Eine Politikerin oder ein Politiker, eine Organisation oder ein Hersteller hat eine Bemerkung gemacht bzw. mit einem Slogan geworben, der „politisch nicht korrekt“ war. Sicherlich haben Sie sich auch gefragt: Was ist damit überhaupt gemeint?

Definition „Political Correctness“

Laut Online-Duden beschreibt dieser Begriff eine „Einstellung, die alle Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt, durch die jemand aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen oder geistigen Behinderung oder sexuellen Neigung diskriminiert wird“ (wobei hier auch noch die religiöse Zugehörigkeit erwähnt werden sollte). Im Kern geht es also darum, einzelne Begriffe, Redensarten oder Denkweisen auf Grundlage gesellschaftlich etablierter Normen, moralischer Gesichtspunkte und historischer Hintergründe kritisch zu hinterfragen und ggf. zu vermeiden bzw. zu ersetzen.

Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch zieht hierbei einen Vergleich zur moralphilosophisch geprägten „goldenen Regel“, die beispielsweise Konfuzius in der allseits bekannten Form zum Ausdruck brachte: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Bezogen auf eine politisch korrekte Sprache heißt das: Man sollte auf Formulierungen verzichten, die man für die eigene Person ebenfalls ablehnen würde, was einen Perspektivwechsel erfordert.1

Der Ursprung

Überlegungen zu Sprache und Sprachgebrauch sind an sich nichts Neues. Die Diskussion um eine politisch korrekte Sprache im Sinne der oben genannten Definition wurde vornehmlich in den 1980er-Jahren durch die Bewegung der „Neuen Linken“ in den USA angestoßen. In Deutschland trat diese Thematik Anfang der 1990er-Jahre in Erscheinung.2

Vor diesem Hintergrund ist man sowohl im politischen als auch wirtschaftlichen und sozialen Leben in der Regel darauf bedacht, Sachverhalte möglichst ohne Abwertungen zum Ausdruck zu bringen. Ein Antrieb liegt hierbei in dem Wunsch, sich so auszudrücken, dass man nirgends aneckt. Hierzu sucht man das Umfeld nach der vorherrschenden Meinung ab und passt sich entsprechend an, z. B. indem man bestimmte Ausdrucksweisen unterlässt (Theorie der Schweigespirale nach der Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann3).

Generisches Maskulinum vs. gendergerechte Sprache

Beim Lesen sind Sie sicherlich auch schon über Formulierungen wie „Unsere Mitarbeiter*innen geben ihr Bestes“, „Sie wird von allen KollegInnen für ihre Hilfsbereitschaft geschätzt“ oder „Alle Teilnehmer_innen schlossen das Seminar erfolgreich ab“ gestolpert. Die Geschlechterdiskussion hat dazu geführt, dass man nach alternativen, gleichberechtigenden Ausdrucksformen gesucht hat, z. B. in Gestalt des Gendersternchens oder des Binnen-I anstelle des generischen Maskulinums, das männliche Bezeichnungen auch auf Menschen anderen Geschlechts überträgt. In manchen Publikationen finden Sie zwar allgemeine Anmerkungen wie „Die in der Broschüre gewählte männliche Form bezieht sich immer zugleich auf Männer und Frauen“, was manchen aber offensichtlich nicht genügt.

Sogar die Psychologie hat sich mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Psychologische Untersuchungen haben ergeben: Beim generischen Maskulinum werden Frauen gedanklich weniger miteinbezogen als bei der Beidnennung oder dem „großen I“ (z. B. seltenere Nennungen von beliebten weiblichen Persönlichkeiten oder von politischen Kandidatinnen für das Amt des Bundeskanzlers / der Bundeskanzlerin der BRD), was also für alternative Formulierungen spricht.4

Aber machen solche alternativen Nennungen Texte nicht umständlicher? Diesen Einwand konnte die TU Braunschweig entkräften: Bei der Bewertung der Textverständlichkeit gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den rein männlichen Versionen (z. B. „der Kontoinhaber“) und jenen mit der männlichen und der weiblichen Formulierung („die Kontoinhaberin / der Kontoinhaber“).5

Wer also beim Thema Gendern auf Nummer sicher gehen will, wählt die Doppelform oder – wo möglich – genderneutrale Formulierungen wie „Mitarbeitende“, „Studierende“ oder Bezeichnungen, die auf „-kraft“ enden, z. B. „Pflegekraft“, was auch im Einklang mit dem Amtlichen Regelwerk des Rats für deutsche Rechtschreibung ist (die Verwendung der Sparschreibung mit Gender-Sonderzeichen gehört nämlich nach wie vor nicht zum Kernbestand der Orthografie).6 Dabei gilt: Gendern Sie unauffällig und flexibel. Einen Entscheidungsbaum als Hilfestellung für die professionelle Textarbeit finden Sie hier.

Die Euphemismus-Tretmühle

Während es früher gang und gäbe war, Bezeichnungen wie „Gastarbeiter“ oder „Behinderter“ zu verwenden, ist es heute üblich, eher auf umschreibende, diversitätssensible Begriffe wie „Person mit Migrationshintergrund“, „Mensch mit internationaler Geschichte“ bzw. „Einwohnende ohne deutsche Staatsbürgerschaft“ oder „Mensch mit Beeinträchtigung“ zurückzugreifen. Und „Schwarzfahrer“ ist inzwischen auch verpönt. Wobei man hier rasch in eine Tretmühle geraten kann: Gerade noch neutral, können solche Umschreibungen sehr schnell selbst zur Zielscheibe der Kritik werden. Es entstehen sogenannte Euphemismus-Ketten, in denen durch „Abnutzung“ vorangegangener Begriffe neue Umschreibungen aneinandergereiht werden. Sprach man einst von einem „schwer erziehbaren Kind“, wurde daraus im Laufe der Zeit das „verhaltensgestörte Kind“, dann das „verhaltensauffällige Kind“, gefolgt vom „verhaltensoriginellen Kind“, was eine sprachliche Entwicklung vom Negativen zum Positiven darstellt.2

Dem Sprachwandel sei Dank müssen sprachliche Konzepte somit stets neu überdacht und ggf. revidiert werden, um nicht in Teufels Küche zu geraten. Ein kühnes Unterfangen und ein wahrer Eiertanz! Sogar der Begriff „Political Correctness“ selbst ist schon in die Schusslinie geraten, weil er heute größtenteils eins zu eins aus dem Amerikanischen übernommen wird. Man solle ihn doch einfach vermeiden oder durch eine neutrale Bezeichnung ersetzen, so Sabine Wierlemann in ihrem Buch Political Correctness in den USA und in Deutschland. Sie sieht die kritiklose Verwendung in der engen Beziehung zwischen Deutschland und den USA begründet: Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die USA am Aufbau der deutschen Demokratie maßgeblich beteiligt und es kam zu einer Art „reeducation“ im Sprachgebrauch, was auch mit einer höheren Sprachkritik einherging. Gerade im Hinblick auf die nationalsozialistische Propaganda wurde Sprache nun einer kritischen Überprüfung und Sichtung unterzogen.7

Von Imbissklassikern und religiösen Befindlichkeiten

Selbst auf der Speisekarte hat Political Correctness längst Einzug gehalten. Aus dem Imbissklassiker „Zigeunerschnitzel“ ist mancherorts das „Schnitzel mit Paprikasoße“ oder das „Balkanschnitzel“ geworden. Und das, obwohl bereits Auguste Escoffier im Jahre 1903 in seinem Guide culinaire die „Sauce de la Zingara“ (also die Zigeunersauce) aufführt.8 Als Konsequenz hat z. B. ein bekannter Lebensmittelhersteller besagte Sauce in „Paprikasauce Ungarische Art“ umbenannt. Die mit dem Begriff „Zigeuner“ belegten ethnischen Volksgruppen sind hier sogar geteilter Meinung: Das Forum der Sinti und Roma begrüßt diesen Wandel, zumal es die Umbenennung juristisch eingefordert hatte. Der „Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma“ sieht zwar bestimmte Stereotype bedient, da die Bezeichnung nicht wertneutral ist, fordert aber kein Verbot des Begriffs „Zigeuner“ ein; ihm ist es viel wichtiger, in welchem Zusammenhang dieser Begriff steht, vor allem wenn er in beleidigender Weise verwendet wird.8, 9 Auf der anderen Seite gibt es Betroffene, bei denen diese Form der „Sprachbereinigung“ wiederum auf Unverständnis stößt: Die Sinti-Allianz Deutschland empfindet diese Diskussion als unwürdig;10 in Rumänien gibt es beispielsweise eine Volksgruppe, deren Angehörige sogar Wert darauf legen, als „Zigeuner“ bezeichnet zu werden.11

Sogar christliche Feiertage sollen im Sinne politisch korrekter Sprache umbenannt werden, um Menschen anderer religiöser Bekenntnisse nicht zu kränken. Da wird das Sankt-Martins-Fest zum „Sonne, Mond, Sterne“-Fest oder „Lichterfest“, die Weihnachtsbeleuchtung zum „Winterlicht“ und das Osterfest zum „Hasenfest“. Was bei den einen auf Zustimmung stößt, hat bei anderen allerdings einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, da sie Brauchtum und Tradition bedroht sehen. Das Thema zog seine Kreise sogar bis in die USA, wo ein Radiojournalist aus dem rechten Spektrum seine Sorge äußerte, Deutschland stehe kurz davor, seine kulturelle Identität aufzugeben.12 Hier besteht sehr schnell die Gefahr, dass eine Thematik in ein politisches Fahrwasser gerät, in dem man sich nicht unbedingt wiederfinden möchte.

In Berlin-Kreuzberg machte die sprachliche Angleichung selbst vor Feiertagen anderer Bekenntnisse nicht halt: Hier wurde vor einigen Jahren das Ramadanfest, der höchste muslimische Feiertag, erst genehmigt, nachdem man die Feier in „Sommerfest“ umbenannt hatte – und das in einem Bezirk, in dem sich etwa jede vierte Person zum Islam bekennt.13

Und wenn wir schon beim Thema Religion sind: Eine Gruppe mit theologischem und sprachwissenschaftlichem Hintergrund hat sogar die „Bibel in gerechter Sprache“ konzipiert. Neben „Gott“ wird auch „Göttin“ verwendet, und Jesus, der Sohn Gottes, wird zum „Kind Gottes“.11 Und der „Totensonntag“ sollte in „Ewigkeitssonntag“ umbenannt werden – in dem Bemühen, das Tabuthema Sterben und Tod zu umschiffen.14

Geht’s noch?

Einige Formulierungen sind an Absurdität nicht zu überbieten: Manche Befürwortende der politisch korrekten Sprache gehen gar so weit, kleinwüchsige Menschen als „vertikal herausgefordert“ zu umschreiben, und eine sturzbetrunkene Person ist „chemisch unpässlich“.2 Das klingt sehr sperrig und obendrein erschließt sich der Sinn nicht auf Anhieb. Außerdem: Benachteiligt eine komplexe Ausdrucksweise nicht Menschen, die aufgrund kognitiver Beeinträchtigung, mangelnder Sprachkenntnisse oder eines geringen Bildungsgrades Schwierigkeiten haben, manche Texte zu verstehen? Im Sinne einer politischen Korrektheit kann man die sogenannte Einfache bzw. Leichte Sprache als einen Weg sehen, diese Benachteiligung aufzuheben und Kommunikation für alle möglich zu machen.

Fazit

Wie eingangs definiert, soll eine politisch korrekte Sprache abwertende und diskriminierende Beschreibungen aufheben. Die Gegenseite betont jedoch, dass es nicht allein damit getan sei, alternative oder gar beschönigende Begriffe und Umschreibungen zu verwenden, um die soziale Wirklichkeit zu verändern. Hier bestehe eher die Gefahr einer Verharmlosung gesellschaftlicher Missstände, sozialer Ungerechtigkeiten und Vorurteile.2 Was uns wieder zur eingangs erwähnten goldenen Regel zurückbringt: Man sollte stets abwägen, ob man mit dem, was man sagt, angemessen agiert oder über das Ziel hinausschießt.

___________________

Quellen

1. Stefanowitsch, S. (2018). Eine Frage der Moral: warum wir politisch korrekte Sprache brauchen. Berlin: Duden.

2. Forster, I. (2024). Political Correctness / Politische Korrektheit. Bundeszentrale für politische Bildung (https://www.bpb.de/politik/grundfragen/sprache-und-politik/42730/politische-
korrektheit?p=all – aufgerufen am 17.07.2026).

3. Noelle-Neumann, E. (2001). Die Schweigespirale (6. Aufl.; Erstauflage 1980). München:
Langen-Müller.

4. Stahlberg, D. & Sczesny, S. (2001). Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. Psychologische Rundschau, 52,
S. 131–140.

5. Friedrich, M. C. G. & Heise, E. (2019). Does the use of gender-fair language influence the comprehensibility of texts? An experiment using an authentic contract manipulating single role nouns and pronouns. Swiss Journal of Psychology, 78, S. 51–60.

6. Siehe https://www.rechtschreibrat.com/DOX/RfdR_Amtliches-Regelwerk_2024.pdf, S. 153 f. – aufgerufen am 17.07.2026.

7. Wierlemann, S. (2002). Political Correctness in den USA und in Deutschland (Philologische Studien und Quellen [PhSt], Band 175). Erich Schmidt Verlag Berlin.

8. Wikipedia-Eintrag zu „Zigeunersauce“: https://de.wikipedia.org/wiki/Zigeunersauce –
aufgerufen am 17.07.2026.

9. Fuchs, H. (2020). Knorr und die Saucen-Diskussion (https://www.dw.com/de/knorr-das-
dilemma-mit-der-sauce/a-54604457 – aufgerufen am 17.07.2026).

10. Sinti-Allianz findet Diskussion über Zigeunersauce unwürdig (https://www.br.de/nachrichten/meldung/sinti-allianz-findet-diskussion-ueber-zigeunersauce-unwuerdig,300304023 – aufgerufen am 17.07.2026).

11. Political Correctness: Medien bestimmen die Weltsicht (https://www.focus.de/finanzen/news/political-correctness-was-darf-man-in-deutschland-
sagen-und-was-nicht_id_2951479.html – aufgerufen am 17.07.2026).

12. Becker, C. (2015). Laternenumzüge – die Angst vor der Diskriminierung durch Sankt Martin (https://www.welt.de/vermischtes/article148542872/Die-Angst-vor-der-Diskriminierung-durch-Sankt-Martin.html – aufgerufen am 17.07.2026).

13. Appenzeller, G. (2013). Political Correctness – Winterfest statt Weihnachten? (https://www.tagesspiegel.de/meinung/political-correctness-winterfest-statt-weihnachten/9259614.html – aufgerufen am 17.07.2026).

14. Weidenfeld, U. (2011). Ein Zwischenruf zum … Totengedenken (https://www.tagesspiegel.de/meinung/einzwischenrufzum-totengedenken/5866736.html –
aufgerufen am 17.07.2026).

Illustration: Gerd Altmann (geralt) auf Pixabay (CC0-Lizenz)

Alle Artikel ansehen

 
 

    [f12_captcha f12_captcha-922 captcha:image]

    captcha
    Gib die im Bild gezeigten Zeichen ein:
    Neu laden

    Dieses CAPTCHA hilft sicherzustellen, dass du ein Mensch bist. Bitte gib die geforderten Zeichen ein.