Willkommen in der aufregenden Welt der Grundschule! Einer Welt, in der das Lesen und Schreiben nicht mehr wie früher ausschließlich mit Bleistift und Papier gelernt wird, sondern wo auch jede Menge digitaler Zauber in Form von Tablets, Smartboards etc. zum Einsatz kommt, um den Abc-Schützen die Buchstaben näherzubringen und aus ihnen Leser und Schreiber zu machen. Für die Schüler und auch – und zwar meist in viel höherem Maß – für die Eltern beginnt hier eine wilde Reise mit Abenteuern, auf die man so gar nicht gefasst war.
Lauttabellen: immer dem Ohr nach
Für die einen ist sie ein Fluch, andere schwören auf sie. Nahezu jedes Kind bekommt sie an einem seiner ersten paar Schultage ausgehändigt: die Lauttabelle. Mit dieser Superkraft in den Händen machen sich die Erstklässler dann wie kleine Detektive auf den Weg, das Rätsel des Schreibens und Lesens zu lösen: Das „Sch“ in „Schule“ klingt wie das Zischen einer Schlange, das ist klar. Aber warum klingt „ch“ mal hart wie in „Buch“ und mal weich wie in „Milch“? Und warum wird „Pfirsich“ mit „Pf“, „Frosch“ mit „F“ und „Vogel“ mit „V“ geschrieben? Klingt doch eigentlich alles am Anfang recht ähnlich.
Schnell lernen die Kinder, dass es im Deutschen etliche Wörter gibt, deren korrekte Schreibweise man sich weder herleiten noch irgendwie erklären kann. Da hilft nur merken, weswegen diese Wörter gerne auch „Merkwörter“ genannt werden. Ein Umstand, den die Kleinen sehr schnell akzeptieren. Dank ihres Gehirns, das in diesem Alter noch wie ein Schwamm alles aufsaugt, haben die allermeisten diese Merkwörter auch schnell abgespeichert.
Währenddessen beobachten die Eltern das Geschehen oft mit einer Mischung aus Staunen und Verzweiflung. Besonders dann, wenn es ans Schreiben nach Gehör geht. Nicht selten beugt man sich als „Mutta“ oder „Vata“ dann etwas skeptisch über das Heft des Sprösslings und fragt sich: „Was soll der ganze Kwark eigentlich? Wird mein Kind auf diese Art wirklich Lesen und Schreiben lernen?“ Und ja, die Kinder schaffen das. Man braucht etwas Geduld und Zuversicht, aber die brauchte man immer schon. Daran hat sich nichts geändert.
Tablets und Apps – die neuen Superhelden
Geändert allerdings hat sich der Eindruck, den man gewinnt, wenn man in die Klassenräume schaut. Früher standen hier Tische in Reih und Glied oder – wenn es mal etwas innovativer zugehen sollte – in U-Form. Heute findet man Gruppentische neben Einzeltischen, die manchmal sogar Richtung Wand oder Fenster ausgerichtet sind. Zunächst fragt man sich: Wozu soll das gut sein? Soll sich mein Kind nun wie ein Schlangenmensch verdrehen, um die Lehrerin an der Tafel, Entschuldigung, am Smartboard, zu sehen? Nein, diese Art der Klassenraumgestaltung ist dem Umstand geschuldet, dass der einst allein vorherrschende Frontalunterricht nun eine friedliche Koexistenz mit anderen Unterrichtsformen wie der Gruppenarbeit, Projektarbeiten und dem eigenverantwortlichen Arbeiten (von den Schülern freundschaftlich EVA genannt) führt.
EVA ist häufig auch als Blended Learning oder hybrides Lernen zu verstehen, bei dem die Kinder nicht nur mit Papier und Bleistift ihre Aufgaben bearbeiten. Nein, sie schnappen sich jeder eines der stapelweise in den Klassenräumen vorhandenen Tablets und dann geht sie los, die Reise durch Lernapps wie Fredo, Anton oder Antolin. Hier können beispielsweise Zahlen und Buchstaben nachgezeichnet oder die ersten Wörter gelesen und geschrieben werden. Die kleinen Hände wischen über den Bildschirm, als wären sie auf der Suche nach dem nächsten großen Abenteuer.
Und das Beste daran? Wenn die Schüler ein Wort noch nicht lesen können, tippen sie einfach auf das Mikrofon und hören dann: „Das ist ein Känguru!“ Und dann ist auch schnell klar, dass „Känguru“ zu den gesuchten Wörtern mit „K“ wie „Kiste“ gehört. Nur noch antippen und schon hüpft ein lustiger Avatar über den Bildschirm und verkündet: „Kein Fehler! Das hast du großartig gemacht!“ Das macht stolz und motiviert ungemein dazu weiterzumachen.
Bei so manchen Lernapps winkt am Ende einer Übung dann auch noch eine Belohnung. Nicht wie früher in Form eines Stückchens Schokolade oder der Erlaubnis, ein bisschen fernsehen zu dürfen, sondern mit einem interaktiven Spiel, passend zum gerade Gelernten. Wer hätte gedacht, dass das Erlernen von Buchstaben so viel Spaß machen kann? Die Kinder hüpfen von Buchstabe zu Buchstabe, sammeln Punkte und lösen Rätsel, während sie gleichzeitig ihre Schreibfähigkeiten verbessern. Und wenn sie einen Fehler machen? Kein Problem! Einfach auf „Neu starten“ klicken und einen zweiten Versuch wagen.
Und die Eltern? Sie sind stolz wie Oskar, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter plötzlich vor ihnen steht und mit Glitzern in den Augen verkündet: „Ich habe gerade ‚Schmetterling‘ geschrieben!“ Gleichzeitig überkommt Mama und Papa aber auch ein kleines Gefühl von Neid und der Gedanke: „Könnte ich doch nur auch noch einmal zur Schule gehen!“
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