• 22. Juli 2026

Kurz, aber oho – das Wörtchen „es“

Von Regina Müller
Das kleine Wort „es“ wirft einen übergroßen Schatten als Symbol für seine große sprachliche Wirkung.

Kurz, aber oho – das Wörtchen „es“

Kurz, aber oho – das Wörtchen „es“ 1058 750 Comlexis
Es war einmal ein Wort. Obwohl es nur zwei Buchstaben hatte, gab es kaum einen Satz ohne es. Immer war es zugegen, egal ob es Tag oder Nacht war, ob es regnete oder schneite …
Das Wörtchen es begegnet uns in fast jedem geschriebenen und gesprochenen Text. Es ist so vielseitig, dass wir hier gar nicht auf alle seine Funktionen und Eigenheiten eingehen können. Aber zumindest ein paar wollen wir näher betrachten.

Es steht oft am Anfang …

… zum Beispiel von Märchen, die mit Es war einmal beginnen. Laut dem Buch Genesis war es sogar der Beginn von allem: Es werde Licht.

Doch wir müssen uns gar nicht ins Mythische oder Biblische begeben. Versetzen wir uns einfach an den Beginn eines gewöhnlichen Tages von heute:

6 Uhr. Der Wecker klingelt:
Es ist doch noch so früh.

Ein Blick aus dem Fenster:
Es regnet (schon wieder).

Frühstücken:
Es schmeckt (oder auch nicht).

Und dann?
Es heißt, es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie es einem tagsüber ergehen kann …

In den vorangegangenen Sätzen ist es ein semantisch leeres Subjekt. Das heißt, es enthält keine eigenständige Bedeutung.

Es tritt oft in Verbindung mit Wetterverben auf (es regnet, es schneit, es stürmt …) oder in Formeln wie es gibt, es gilt, es heißt, es besteht etc. Natürlich muss es nicht zwingend am Anfang stehen. Die Satzstellung kann auch anders sein: Heute regnet es. – Mir geht es gut. – Diese Möglichkeiten gibt es.

Eine Frage des Rhythmus

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach …

Dieses Lied kann wohl jeder mitsingen. Warum Es hier am Anfang steht, ist klar:

Die Mühle klappert am rauschenden Bach …

Am rauschenden Bach klappert die Mühle …

Das würde einfach nicht zum Rhythmus passen. Entsprechend findet sich Es in Spitzenstellung häufig in Lyrik und Gesang, vom Goethe’schen Vers „Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde!“ bis zum Schlager „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“.

Wann geht es ohne es?

Schauen wir uns mal diesen Satz an:
Es gibt Tage, an denen es nur regnet und es vielen nicht gut geht.

Nun denke man sich es in allen drei Fällen weg. Man merkt: Es geht hier nicht ohne es.

In Verbindung mit anderen Ausdrücken kann es dafür weggelassen werden, zum Beispiel bei Mir graut (es).

Manchmal ist es auch ein semantisch leeres Akkusativobjekt, zum Beispiel in der berühmten Frage: Wie hältst du es mit der Religion?

Hier ist es obligatorisch, kann also nicht wegfallen.

Anders verhält es sich bei: Mich friert (es).

In diesem Fall ist es fakultativ, also kein Muss.

Sonderfall Korrelat

Oft tritt es in der Funktion eines Korrelats (lat. correlatio: Wechselbeziehung) auf. Das heißt, es verweist auf einen abhängigen Satz.

Lassen wir noch mal den Morgenmuffel von vorhin zu Wort kommen:
Es gefällt mir nicht, dass ich schon aufstehen muss.

Es verweist hier auf den dass-Satz und steht am Satzanfang, kann also nicht wegfallen.

Wenn man den Satz umdreht, sieht es allerdings anders aus:
Mir gefällt (es) nicht, dass ich schon aufstehen muss.
Ich bedaure (es), schon aufstehen zu müssen.

Hier ist es fakultativ, also freigestellt.

Doch bei den folgenden Sätzen zeigt die Weglassprobe, dass es obligatorisch ist, also nicht wegfallen kann:

Mir tut es leid, dass ich schon aufstehen muss.
Ich bin es leid, immer so früh aufzustehen.
Ich habe es satt, immer so früh aufzustehen.

Hier dagegen darf es gar nicht stehen:

Ich sage es, dass ich schon aufstehen muss.

Ob das Korrelat es stehen muss, darf oder nicht darf, hängt einfach vom jeweiligen Verb oder Adjektiv ab. Eine allgemeingültige Regel lässt sich dazu nicht treffen.

Immerhin kann man sich merken, dass Kommunikationsverben (sagen, behaupten etc.) eher selten mit es verwendet werden.

Das Pronomen es

Sehr häufig wird es als Pronomen (Fürwort) verwendet, das stellvertretend für ein neutrales Substantiv steht:
Das Bild hängt an der Wand. Es ist bunt.

Hier steht es stellvertretend für das Bild.

Es kann aber nicht nur unbelebte Dinge bezeichnen, sondern auch Menschen und Tiere:
Das Kind ist tierlieb. Es hat ein Kaninchen.

Es ist oft aus stilistischen Gründen sinnvoll, weil es eine Wiederholung vermeidet.

Vorsicht, Verwechslungsgefahr!

Das Pronomen es ist inhaltlich leer, da es keine eigenständige Bedeutung hat. Deswegen ist oft der Bezug unklar.

Nehmen wir das Beispiel:
Das Brot liegt auf dem Brett. Ich esse es.

Rein grammatisch könnte es sich hier sowohl auf Brot als auch auf Brett beziehen, da beides neutrales Genus hat. Doch da man Bretter für gewöhnlich nicht verzehrt, ist der Bezug auf Brot klar und es besteht keine Verwechslungsgefahr (außer, der Satz käme von einem Holzwurm ;-)).

Aber wie sieht es hier aus?
Das Kind spielt mit dem Kaninchen. Es hat Spaß.

Wer hat hier Spaß? Das Kind, das das arme Kaninchen an den Ohren zieht? Oder hat nur das Kaninchen Spaß, während sich das Kind langweilt? Hoffen wir: Sie haben Spaß.

In nicht eindeutigen Fällen besser aufpassen. Wir haben schon so manche makabre Stilblüte durch missverständliche Bezüge entdeckt:

Weil Herrchen sein Wurstbrot nicht mag, frisst es der Hund.

Es muss nicht immer Neutrum sein

Man könnte nun meinen, dass es sich grundsätzlich auf neutrale Nominalausdrücke im Singular bezieht. Aber sehen wir uns diese Fälle an:

Ich kenne diese Frau. Es/Sie ist meine Nachbarin.
Ich kenne diesen Mann. Es/Er ist mein Nachbar.
Ich kenne diese Leute. Es/Sie sind meine Nachbarn.

Es kann sich also auch auf Maskulines, Feminines und Pluralisches beziehen, allerdings nur, wenn eine Identifizierung oder Charakterisierung ausgedrückt wird.

In folgendem Fall beispielsweise wäre es nicht richtig.

Ich kenne diese Frau. Sie ist vor kurzem hier eingezogen.

Darf’s noch kürzer sein?

Wem auch zwei Buchstaben noch zu viel sind, der kann das Wörtchen es auf Apostroph + s eindampfen oder es mit dem vorhergehenden Verb verschmelzen:

Das bringt’s. / Das bringts.

Wenn’s / Wenns weiter nichts ist.

’s ist genug jetzt!

Bild: eigene Darstellung

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