Wer „Pfannkuchen“ sagt, könnte aus einer anderen Gegend kommen als jemand, der dasselbe Gericht „Eierkuchen“ nennt. Auch „Portemonnaie“, „Geldbeutel“ oder die Bezeichnungen für Kartoffelpüree wie „Erdäpfelbrei“ oder „Kartoffelstampf“ liefern Hinweise darauf, wo jemand sprachlich sozialisiert wurde.
Wie weit sich solche regionalen Unterschiede zur geografischen Verortung nutzen lassen, zeigt ein Dialekt-Test des Schweizer „Tages-Anzeigers“. Ich habe mich zunächst aus Neugier damit beschäftigt. Dabei haben sich für mich Fragen hinsichtlich seiner Grenzen ergeben: Wie eindeutig lässt sich ein Mensch sprachlich überhaupt einer Region zuordnen? Was geschieht, wenn mehrere regionale Varianten zum eigenen Wortschatz gehören? Und was weiß die Forschung über Menschen, die regelmäßig zwischen verschiedenen sprachlichen Varietäten wechseln?
Ein Dialekt-Test für den deutschen Sprachraum
Der „Tages-Anzeiger“ veröffentlichte 2024 eine neue Version seines Dialekt-Tests. Die Variante für den gesamten deutschsprachigen Raum umfasst 24 Aufgaben, bei denen die jeweils naheliegendste regionale Bezeichnung ausgewählt werden soll. Eine zweite Version richtet sich speziell an Menschen, die in der Schweiz aufgewachsen sind. Dort werden in 16 Aufgaben vor allem Aussprachemerkmale erfasst.
Die Datenbasis ist beachtlich: Der aktuelle Test greift auf Angaben von mehr als 800.000 Personen aus über 23.000 Orten im deutschsprachigen Raum zurück. Die Antworten werden mit den regionalen Verteilungen in diesem Datensatz abgeglichen.
Die wissenschaftlichen Wurzeln reichen weiter zurück. Das zugrunde liegende Webprojekt „Grüezi, Moin, Servus“ wurde 2015 gemeinsam mit SPIEGEL ONLINE und dem „Tages-Anzeiger“ durchgeführt und später wissenschaftlich ausgewertet. Für die geografische Vorhersage wurden 24 sprachliche Merkmale mit unterschiedlichen regionalen Verteilungen ausgewählt.
21 davon betreffen den Wortschatz, zwei die Aussprache und ein Merkmal bezieht sich auf die Morphologie. Die Kombination der Merkmale sollte eine möglichst feine geografische Differenzierung ermöglichen.
Wenn eine Antwort nicht reicht
Beim Selbsttest fiel mir direkt eine Einschränkung auf: Pro Aufgabe lässt sich nur eine Variante auswählen. Das funktioniert gut, solange jemand bei „Pfannkuchen“, „Eierkuchen“ oder „Palat-schinken“ eine eindeutige Präferenz hat. Schwieriger wird es, wenn mehrere Varianten vertraut sind und je nach Situation tatsächlich verwendet werden.
Bei mir kommt hinzu, dass mir von Berufs wegen ein relativ breites Spektrum regionaler Varianten begegnet. Beim ersten Durchlauf verortete mich der Test mit 50,6 Prozent in Eupen (Provinz Lüttich, Belgien). In einem zweiten Durchlauf wählte ich bei einigen Aufgaben andere Begriffe, die mir ebenso geläufig sind. Diesmal landete ich mit 41,6 Prozent in Lorup (Niedersachsen).
Das macht den Test keineswegs wertlos. Es zeigt vielmehr, was er misst: eine bestimmte Kombination ausgewählter sprachlicher Varianten. Das gesamte Repertoire einer Person lässt sich mit einem solchen Forced-Choice-Format nur begrenzt erfassen.
Dieser Punkt ist auch methodisch nicht völlig neu. In der wissenschaftlichen Auswertung des früheren Webtests weisen die Autoren darauf hin, dass dort jeweils nur eine Variante angegeben werden konnte, während in älteren Vergleichserhebungen mehrere Varianten genannt werden durften. Für die Vergleichbarkeit der Daten betrachten sie diesen Unterschied ausdrücklich als Einschränkung.
Sprache hat mehr als eine geografische Adresse
Wohnort, Geburtsort und sprachliche Sozialisation müssen nicht übereinstimmen. Menschen ziehen um, wachsen mit Eltern aus unterschiedlichen Regionen auf oder übernehmen im Laufe ihres Lebens neue sprachliche Gewohnheiten. Daher kann der persönliche Sprachgebrauch Spuren mehrerer Orte tragen.
Wie unterschiedlich solche Sprachbiografien aussehen können, zeigte sich auch in den Kommentaren zu meinem LinkedIn-Beitrag über den Dialekt-Test. Beispielsweise erzählte eine Kommentatorin, dass ihre britische Mutter Deutsch in Hamburg erlernt hatte, während sie selbst im Rheinland aufwuchs. Eine Besonderheit: Die Mutter mochte das Wort „schmieren“ nicht und gab diese persönliche Bewertung von Sprache an die Töchter weiter.
Das lässt sich auf keiner Dialekt-Karte ablesen. Hier wirkt weder allein der Wohnort noch die Herkunftsregion, sondern eine familiäre Sprachkultur. Wörter können bevorzugt, vermieden oder mit bestimmten Vorstellungen davon verbunden werden, was gut, passend oder angenehm klingt. Auch innerhalb einer Familie müssen die Varianten keineswegs einheitlich sein: Eine andere Kommentatorin kannte für das Endstück eines Brotes „Knust“ vom Vater, während ihre Mutter es „Knäppchen“ nannte.
Ein weiterer Kommentator beschrieb, wie flexibel regionale Prägung je nach Gegenüber aktiviert werden kann. Sein alemannischer Dialekt war nach dem Umzug ins Ruhrgebiet im Alltag weitgehend verschwunden. Traf er jedoch jemanden aus seiner Heimatregion, sei der Dialekt plötzlich wieder aufgetaucht – automatisch und weitgehend unbewusst. Solche Wechsel zeigen, dass sprachliche Varianten im Repertoire erhalten bleiben können, auch wenn sie im Alltag kaum zu hören sind.
Manche Sprachbiografien werden im Laufe des Lebens immer vielschichtiger. Ein Kommentator wuchs mit Solothurner und Walliser Dialekt auf, verwendete in der Schule Hochdeutsch, lernte später Englisch und lebt seit rund 30 Jahren in den Niederlanden, wo Niederländisch heute seine Alltagssprache ist. Rückblickend betont er vor allem, wie stark persönliche Einstellung und Motivation bei ihm den Spracherwerb beeinflusst hätten.
Noch komplexer wird es in mehrsprachigen Familien. Ein weiterer Kommentator beschrieb seine deutsch-französische Verwandtschaft, in der neben den beiden Standardsprachen auch mehrere regionale Varietäten gesprochen werden – unter anderem Elsässisch, Südfranzösisch und Picardisch (Ch’ti – man erinnere sich an die französische Komödie Willkommen bei den Sch’tis). Für manche Kinder gehören damit mehrere Sprachen und Dialekte gleichzeitig zum Alltag.
Solche Beispiele zeigen, warum sich individuelle Sprachbiografien nicht auf eine bestimmte geografische Herkunft reduzieren lassen. Sprache wird in sozialen Beziehungen erworben, verändert sich mit neuen Umgebungen und kann je nach Situation unterschiedliche Seiten zeigen. Einige Varianten bleiben erhalten, andere kommen hinzu, wieder andere tauchen nur in bestimmten Situationen oder gegenüber bestimmten Menschen auf. Sprachliche Herkunft ist deshalb oft weniger eine Frage nach einem einzelnen Ort als nach den Einflüssen, die sich im eigenen Sprachgebrauch überlagern.
Wenn zwei Varietäten zum Alltag gehören
Die Beispiele zeigen, wie unterschiedlich sprachliche Mehrfachprägung aussehen kann. Einen speziellen Fall davon bezeichnet die Linguistik als Bidialektalismus: Menschen verwenden regelmäßig zwei Varietäten derselben Sprache, etwa einen Dialekt und die Standardsprache.
Die deutschsprachige Schweiz ist dafür ein anschauliches Beispiel. Schweizerdeutsch und Standarddeutsch werden dort je nach Kommunikationssituation unterschiedlich eingesetzt. Wer beides beherrscht, bewegt sich damit fortlaufend zwischen eng verwandten sprachlichen Systemen.
In der Forschung wird Bidialektalismus deshalb teilweise gemeinsam mit Mehrsprachigkeit untersucht. Interessant ist dabei unter anderem die Frage, ob das regelmäßige Management zweier Dialekte ähnliche kognitive Anforderungen stellt wie der Umgang mit zwei verschiedenen Sprachen.
Macht Bidialektalismus kognitiv flexibler?
Eine 2018 veröffentlichte Studie einer Forschungsgruppe der Universitäten Zürich und Sheffield untersuchte genau diese Frage. Verglichen wurden vier Gruppen junger Erwachsener: Personen mit Standarddeutsch als einziger Sprache, bidialektale Sprecherinnen und Sprecher von Standard- und Schweizerdeutsch sowie zwei bilinguale Gruppen mit unterschiedlich stark verwandten Sprachkombinationen (zum Beispiel Deutsch – Englisch und Deutsch – Türkisch).
Im Hintergrund stand die in der Mehrsprachigkeitsforschung diskutierte Annahme, dass das fortlaufende Kontrollieren und Wechseln von Sprachen möglicherweise exekutive Funktionen trainiert. Wenn das zuträfe, könnte man erwarten, dass der kognitive Effekt umso stärker ausfällt, je unterschiedlicher die verwendeten Sprachen sind und je mehr Kontrolle ihr paralleler Gebrauch verlangt.
Die Ergebnisse waren wesentlich zurückhaltender. Für einen allgemeinen Zusammenhang zwischen größerer sprachlicher Distanz und besseren exekutiven Funktionen fanden die Forschenden keine überzeugende Evidenz. Die Annahme eines generellen kognitiven Vorteils durch das lebenslange Management sprachlicher Interferenz wurde damit nicht bestätigt. Für die bidialektale Gruppe zeigte sich zwar ein positiver Zusammenhang mit der Arbeitsgedächtnisleistung; dieser Befund ließ sich jedoch nicht auf die übrigen untersuchten exekutiven Funktionen übertragen.
Gerade diese Zurückhaltung macht die Studie interessant. Bidialektalismus wird darin als eigenständige Spracherfahrung betrachtet, ohne daraus vorschnell einen kognitiven Bonus abzuleiten.
Wie früh beginnt sprachliche Flexibilität?
Eine derzeit laufende Studie am Psychologischen Institut der Universität Zürich nimmt die Entwicklung noch früher in den Blick. Untersucht werden dreijährige Kinder mit unterschiedlichem sprachlichen Hintergrund: einsprachige, zweisprachige, mehrsprachige und bidialektale Kinder. Als Beispiel für Bidialektalismus nennt die Universität Schweizerdeutsch und Standarddeutsch.
Geprüft werden Wortschatz und Sprachverständnis. Zusätzlich befragt man die Eltern zur sprachlichen Umgebung und zur Kommunikation im Alltag. Die Kinder tragen für zwölf Stunden ein kleines Mikrofon, sodass erfasst werden kann, in welchen Situationen sie Sprache hören und selbst verwenden. Zwei Jahre später werden sie erneut eingeladen. Somit richtet die Studie den Blick auf den tatsächlichen sprachlichen Alltag und berücksichtigt die Umgebung, in der Kinder verschiedene Sprachen und/oder Dialekte kennenlernen und verwenden. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein.
Warum regionale Variation auch für Sprachdienstleister relevant ist
Dialekt bzw. Mundart begegnet uns in der professionellen Textarbeit durchaus – etwa in regional ausgerichteter Kommunikation oder im Marketing, wenn beispielsweise das Münchner Oktoberfest auf der „Wiesn“ ruft. Häufiger finden sich einzelne regionale oder dialektale Elemente in ansonsten standardsprachlichen Texten. Dialekte sind zwar vor allem gesprochene Varietäten, werden aber auch geschrieben, etwa in der Mundartliteratur oder in informeller Kommunikation.
Für unsere Arbeit ist darüber hinaus eine andere Form regionaler Variation wichtig: Auch die Standardsprache ist regional geprägt. Deutsches, österreichisches und schweizerisches Standarddeutsch unterscheiden sich ebenso wie Gebrauchsweisen innerhalb der einzelnen Länder. Ein einfaches Beispiel: In Deutschland sagt man „Bürgersteig“, in Österreich „Gehsteig“ und in der Schweiz „Trottoir“ – wobei es auch hier regionale Überschneidungen gibt.
Im Lektorat und bei der Übersetzung von Texten für unterschiedliche Zielmärkte stellt sich deshalb die Frage, welche sprachliche Variante zur jeweiligen Zielgruppe passt. Ein Ausdruck kann standardsprachlich korrekt sein und dennoch regional auffallen oder andernorts ungewohnt wirken. Gerade deshalb ist Variantenkompetenz wichtig. Entscheidend ist, wer angesprochen wird und in welchem sprachlichen Umfeld der Text funktionieren soll.
Sprache ist Biografie
Der Dialekt-Test zeigt erstaunlich gut, wie stark alltägliche Wörter regional verteilt sind. Gleichzeitig macht er sichtbar, wie schwierig es wird, eine individuelle Sprachbiografie auf einen einzigen Punkt auf der Landkarte zu reduzieren.
Bidialektalismus führt diesen Gedanken weiter. Menschen können über mehrere sprachliche Systeme verfügen und sie abhängig von Situation und Umfeld einsetzen. Wie früh sich diese Flexibilität entwickelt und welche Folgen sie hat, ist weiterhin Gegenstand der Forschung.
Vielleicht liegt gerade darin das Interessante an Dialekt-Karten: Sie zeigen sprachliche Spuren. Woher diese Spuren stammen und weshalb manche deutlicher erhalten bleiben als andere, erzählt erst die Biografie dahinter.
___________________
Quellen
„Jetzt noch genauer: Unser Dialekt-Test weiss, woher Sie stammen“ (Autoren: Dariush Mehdiaraghi & Marc Brupbacher, Tages-Anzeiger, 03.06.2024; Projektleitung: Adrian Leemann; Datenaufbereitung und statistische Modellierung: Fabian Tomaschek).
https://www.tagesanzeiger.ch/dialekt-test-wir-wissen-woher-sie-stammen-jetzt-noch-genauer-205060715129
Haarmann, A. (2026). Wie viel verrät unsere Sprache darüber, woher wir kommen? LinkedIn-Beitrag vom 27.08.2026.
https://lnkd.in/p/e8e5H_cu
Haarmann, A. (2026). Zwischen Dialekt und Standardsprache: was Bidialektalismus bedeutet. LinkedIn-Beitrag vom 31.08.2026.
https://lnkd.in/p/egt9GEBi
Leemann, A., Derungs, C. & Elspaß, S. (2019). Analyzing linguistic variation and change using gamification web apps: The case of German-speaking Europe. PLoS ONE 14(12): e0225399.
https://doi.org/10.1371/journal.pone.0225399
Oschwald, J., Schättin, A., von Bastian, C. C. & Souza, A. S. (2018). Bidialectalism and Bilingualism: Exploring the Role of Language Similarity as a Link Between Linguistic Ability and Executive Control. Frontiers in Psychology, 9, 1997.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6206588/
Universität Zürich, Psychologisches Institut, Entwicklungspsychologie – Säuglings- und Kindesalter: „Wie kommunizieren Kinder mit unterschiedlichem Sprachhintergrund und welche Rolle spielt ihr Umfeld?“
https://www.psychologie.uzh.ch/de/bereiche/dev/devpsy/Weltentdecker/aktuelle-studien/sprachhintergrund.html
Illustration: KI-generiert mit ChatGPT (OpenAI)