Kritik und Lob werden meist als Gegensätze aufgefasst. Die eine Form der Rückmeldung benennt Schwächen, die andere hebt Gelungenes hervor. Für die Person, die sie erhält, liegt beides jedoch näher beieinander, als es zunächst scheint: Es sagt etwas über eine erbrachte Leistung aus und wird zugleich sehr schnell als Bewertung der eigenen Person verstanden.
Arthur C. Brooks hat sich in zwei Beiträgen für The Atlantic mit dieser doppelten Funktion von Feedback beschäftigt. Seine Überlegungen lassen sich gut mit Befunden aus der Psychologie und Neuro-wissenschaft verbinden. Bei Kritik wie bei Lob zeigt sich, dass eine Rückmeldung nicht losgelöst vom Selbstbild und vom sozialen Kontext verarbeitet wird.
Wenn aus einer Rückmeldung ein Urteil über die eigene Person wird
Wer hört, dass die eigene Arbeit Schwächen aufweist, beschäftigt sich häufig zunächst mit der Person, von der die Kritik kommt. Wie ist das gemeint? Was hält sie von mir? Warum sagt sie das gerade jetzt?
Der konkrete Inhalt der Rückmeldung kann dabei erstaunlich schnell in den Hintergrund treten. Aus „Diese Passage ist schwer verständlich“ in Verbindung mit einem Textentwurf wird innerlich womöglich „Man hält mich für unfähig“. Eine Aussage über ein Arbeitsergebnis berührt damit das Selbstbild.
Das ist kein bloßes Kommunikationsproblem. Kritik aktiviert Prozesse der sozialen Kognition. Brooks verweist auf neurowissenschaftliche Forschung, nach der Menschen bei Kritik verstärkt damit beschäftigt sind, die Gedanken und Absichten des Gegenübers einzuschätzen. Die Aufmerksamkeit richtet sich also nicht ausschließlich auf die Sache [1].
Dazu passt die Forschung zum sogenannten „Social Brain“. Soziale Kognition lässt sich nicht einer einzelnen Hirnregion zuordnen. Beteiligt sind unter anderem Amygdala sowie präfrontale, insuläre und temporoparietale Regionen [3]. Sie tragen auf unterschiedliche Weise dazu bei, soziale Signale wahrzunehmen, emotionale Bedeutung zu verarbeiten, mentale Zustände anderer einzuschätzen und das eigene Verhalten im sozialen Kontext einzuordnen.
Bonduelle et al. (2021) untersuchten spezifischer, was nach Kritik geschieht. Bei Jugendlichen zeigte sich eine stärkere funktionelle Vernetzung der linken Amygdala mit Hirnregionen, die an anhaltender emotionaler Verarbeitung beteiligt sind. Je intensiver die Jugendlichen Kritik in ihren engen Beziehungen wahrnahmen, desto stärker veränderte sich zudem die Vernetzung der linken Amygdala mit Precuneus und superiorer Parietalregion, die zum sogenannten „Default Mode Network“ gehören, einem Netzwerk für selbstbezogene und nach innen gerichtete mentale Prozesse [4].
Solche Befunde bedeuten nicht, dass es im Gehirn ein eigenes „Kritiknetzwerk“ gäbe. Sie zeigen vielmehr, dass Kritik Prozesse beansprucht, die weit über eine nüchterne Prüfung des Sachgehalts hinausgehen. Soziale Einordnung, emotionale Verarbeitung und Selbstbezug laufen mit.
Die Empfindlichkeit gegenüber Kritik ist allerdings nicht bei allen Menschen gleich ausgeprägt. Brooks greift hierzu verschiedene Befunde auf. Ein geringes Selbstwertgefühl, ausgeprägter Neurotizismus, Pessimismus oder eine starke Angst vor negativer Bewertung können die Reaktion intensivieren. Auch Wettbewerbsorientierung spielt eine Rolle: Wer Kritik vor allem als Herausforderung erlebt, einer kritisierenden Person das Gegenteil beweisen zu müssen, arbeitet nach negativem Feedback unter Umständen härter, ohne dadurch bessere Ergebnisse zu erzielen [1].
Auch narzisstische Persönlichkeitszüge können die Reaktion auf Kritik beeinflussen. Brooks unterscheidet hier zwischen offenem und verdecktem Narzissmus: Während offen narzisstische Personen positive Rückmeldungen besonders suchen und negative Kritik eher zurückweisen, reagieren Menschen mit verdeckt narzisstischen Zügen häufig empfindlicher auf Kritik und neigen stärker zum Grübeln. Solche Befunde können helfen, individuelle Unterschiede in der Kritikverarbeitung zu verstehen; eine heftige Reaktion auf Feedback erlaubt jedoch keine eindeutigen Rückschlüsse auf narzisstische Persönlichkeitszüge.
Insgesamt wird deutlich, weshalb identische Rückmeldungen bei verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich ankommen. Das entbindet die kritisierende Person allerdings nicht von der Verantwortung für die Art, in der sie Kritik formuliert.
Kritik als Information verarbeiten
Brooks empfiehlt, Kritik möglichst von der eigenen Person zu lösen und zunächst als Information zu behandeln [1]. Das ist leichter gesagt als getan, lenkt aber den gedanklichen Fokus auf folgende Fragen: Was erfahre ich über die Wirkung meiner Arbeit? Welche Aussagen lassen sich am Gegenstand überprüfen? Welche Konsequenzen folgen daraus?
Gerade bei Texten wird der Unterschied deutlich. Der Satz „Diese Passage versteht kein Mensch“ kann kränken, besonders wenn viel Herzblut in einem Textentwurf steckt. Im Kern enthält er dennoch eine Information über die Leserführung. Die Formulierung ist pauschal und unnötig scharf; die zugrunde liegende Rückmeldung zur Verständlichkeit kann trotzdem berechtigt sein.
Damit ist noch nicht entschieden, ob diese Passage geändert werden muss. Vielleicht fehlt tatsächlich ein gedanklicher Zwischenschritt oder der Abschnitt setzt Wissen voraus, das an dieser Stelle noch nicht vermittelt wurde; möglicherweise lässt sich der Gedanke einfacher formulieren, ohne an Präzision zu verlieren. Rückmeldung und Überarbeitung sind somit zwei getrennte Schritte, die einen gewissen analytischen Abstand schaffen. Kritik wird dadurch nicht unbedingt angenehmer – aber eher umsetzbar.
Wann Kritik hilfreich ist
Kritik kann als Geschenk gedacht sein oder als Waffe eingesetzt werden [1]. Die entscheidende Frage lautet, welchen Zweck sie verfolgt. Soll sie der anderen Person helfen, ihre Arbeit zu verbessern? Oder dient sie dazu, Überlegenheit zu demonstrieren, Ärger abzuladen oder einen Fehler möglichst wirkungsvoll sichtbar zu machen?
Konstruktive Kritik berücksichtigt die Person, an die sie sich richtet, und zeigt denkbare Verbesserungsansätze. Das soll nicht heißen, dass jede Rückmeldung „weichgespült“ formuliert werden muss. Deutlichkeit und Respekt schließen einander nicht aus.
„Der Gedankengang bricht hier ab; mir fehlt die Verbindung zum vorigen Absatz“ ist präzise und benennt zugleich das konkrete Problem. „Der Absatz funktioniert überhaupt nicht“ lässt dagegen offen, worin die Schwierigkeit besteht und was sich verändern ließe.
Öffentliche Kritik verschärft die Situation zusätzlich. Zur sachlichen Ebene kommt die Frage hinzu, wie die eigene Kompetenz vor anderen wahrgenommen wird. Brooks verweist auf Forschung, nach der negatives Feedback im privaten Rahmen motivierender wirken kann als öffentlich geäußerte Kritik [1].
Wie Lob aufgenommen wird
Beim Lob spielt das Selbstbild ebenfalls eine Rolle. Positives Feedback wird nicht unabhängig davon verarbeitet, was jemand bereits über sich selbst glaubt. Ein Kompliment, das mit der eigenen Selbstwahrnehmung schlecht vereinbar ist, kann deshalb unglaubwürdig erscheinen oder wird gar relativiert. Brooks verweist in diesem Zusammenhang auf eine interessante Beobachtung: Menschen mit gering ausgeprägtem Selbstwert neigen eher dazu, positives Feedback abzuwerten, wenn es ihrer eigenen, überwiegend negativen Sicht auf sich selbst widerspricht [2]. Das heißt nicht, dass sie Lob grundsätzlich nicht annehmen können. Entscheidend ist vielmehr, wie gut die positive Rückmeldung an das vorhandene Selbstbild anschlussfähig ist.
Neurowissenschaftliche Befunde passen dazu. Van Schie et al. (2018) untersuchten mit fMRT, wie positives, neutrales und negatives soziales Feedback verarbeitet wird [5]. Dabei spielten sowohl der Selbstwert als auch die Übereinstimmung der Rückmeldung mit dem eigenen Selbstwissen eine Rolle.
Bei niedrigerem Selbstwert fiel die Aktivierung bei positivem Feedback unter anderem im medialen präfrontalen und cingulären Kortex sowie in der Insula geringer aus [5]. Diese Regionen werden mit selbstbezogener und sozial-emotionaler Verarbeitung in Verbindung gebracht.
Auch daraus lässt sich keine einfache neuronale Formel für die Wirkung von Lob ableiten. Der Befund bedeutet insbesondere nicht, dass Menschen mit niedrigem Selbstwert Komplimente grundsätzlich nicht annehmen könnten. Er weist vielmehr darauf hin, dass positive soziale Rückmeldungen auf ein bereits vorhandenes Selbstbild treffen. Was jemand über sich selbst glaubt, beeinflusst mit, wie ein Kompliment verarbeitet und auf die eigene Person bezogen wird.
Damit ist zunächst beschrieben, wie Lob aufgenommen wird. Ob es darüber hinaus Orientierung bietet, hängt auch davon ab, wie genau es formuliert wird.
Warum pauschales Lob wenig hilft
Pauschale Anerkennung klingt freundlich, liefert jedoch wenig Information. „Sehr guter Text“ sagt der Autorin oder dem Autor kaum, was tatsächlich überzeugt hat. Ist es der Aufbau, die Argumentation, ein verständlicher Schreibstil? Finden sich anschauliche ergänzende Beispiele in den Ausführungen?
Eine präzisere Rückmeldung könnte beispielsweise lauten: „Die Umstellung im Mittelteil macht den Gedankengang deutlich nachvollziehbarer.“ Oder: „Das Beispiel nach dem dritten Absatz beantwortet genau die Frage, die beim Lesen vorher entsteht.“ Solches Lob benennt eine konkrete Beobachtung und ihre Wirkung. Die gelobte Person erfährt dadurch mehr über die eigene Leistung und kann das Gelungene künftig bewusster einsetzen.
Brooks weist außerdem darauf hin, dass glaubwürdiges Lob mit der Person übereinstimmen muss, an die es gerichtet ist, und aus einer Position kommen sollte, die eine entsprechende Beurteilung überhaupt erlaubt [2]. Überschwängliches Lob eines Menschen, der kaum einschätzen kann, was er gerade bewertet, wirkt schnell strategisch oder beliebig.
Auch der Kontext spielt eine Rolle. Ein Kompliment kann für sich genommen positiv klingen und dennoch unglaubwürdig werden, wenn Anlass, Beziehung und Aussage nicht zusammenpassen.
Lob mit eingebautem Widerhaken
Besonders problematisch sind Komplimente, die eine Abwertung mitführen.
„Viel besser als deine vorige Fassung.“
„Erstaunlich gut für den ersten Versuch.“
„Damit hätte ich bei dir gar nicht gerechnet.“
Die positive Aussage wird hier jeweils an einen niedrigen Vergleichsmaßstab gekoppelt. Zur Anerkennung kommt eine Botschaft über frühere Schwächen oder geringe Erwartungen hinzu. Brooks verweist auf Untersuchungen zu solchen „backhanded compliments“: Die Person, die das Kompliment äußert, bewertet es häufig positiver als diejenige, die es erhält [2].
Auch Vergleiche mit anderen Menschen sind heikel. Sie machen aus einer Anerkennung leicht eine Rangordnung. Wer jemanden loben möchte, braucht für die Aussage über dessen Leistung meist keine zweite Person.
Wenn Lob zum Tauschgeschäft wird
Ein Kompliment verliert ebenfalls an Glaubwürdigkeit, wenn unmittelbar darauf eine Gegenleistung erwartet wird. Menschen reagieren auf Gefälligkeiten und Anerkennung häufig mit dem Impuls zur Gegenseitigkeit. Das macht Lob strategisch einsetzbar. Wer einer Person zunächst schmeichelt und sie anschließend um einen Gefallen bittet, erhöht unter Umständen deren Bereitschaft zur Kooperation [2]. Die Wirkung auf die Beziehung ist eine andere Frage. Wird die Absicht erkannt, erscheint das Kompliment schnell als Mittel zum Zweck. Glaubwürdiges Lob braucht deshalb keinen anschließenden Anspruch. Es kann einfach stehen bleiben.
Was wir überhaupt loben
Ein besonders interessanter Gedanke in Brooks’ zweitem Beitrag betrifft die Auswahl dessen, was wir würdigen. Komplimente beziehen sich häufig auf sichtbare Leistungen, Aussehen oder Besitz [2].
Sehr viel seltener benennen wir Verhalten, das vor allem für die reibungslose Zusammenarbeit in einer Gruppe dennoch von erheblicher Bedeutung ist: Jemand bleibt in einem Konflikt fair, räumt einen eigenen Fehler ein, hilft im Kollegenkreis ohne großes Aufheben oder übernimmt Verantwortung, obwohl damit kein unmittelbarer Vorteil verbunden ist.
Brooks greift dafür den Begriff der „moral beauty“ auf. Gemeint sind Handlungen, in denen sich etwa Freundlichkeit, Mitgefühl, Vergebung, Mut oder Selbstlosigkeit zeigen [2]. Solche Verhaltensweisen tragen wesentlich zur Qualität sozialer Beziehungen bei, werden im Arbeitsalltag aber leicht übersehen, weil sie sich schlechter messen lassen als ein Ergebnis, eine Kennzahl oder ein sichtbarer Erfolg. Gerade deshalb lohnt es sich, sie ausdrücklich wahrzunehmen.
Gutes Feedback beginnt vor dem ersten Satz
Kritik und Lob treffen damit auf dieselbe psychologische Voraussetzung: Menschen empfangen Rückmeldungen nicht auf einem unbeschriebenen Blatt. Sie bringen Vorstellungen über die eigene Person, frühere Erfahrungen und Erwartungen an ihr Gegenüber mit. All das beeinflusst, was von einer Rückmeldung überhaupt ankommt.
Kritik und Lob unterscheiden sich in ihrer Richtung. Die Voraussetzungen für hilfreiches Feedback ähneln sich jedoch.
- Vor einer kritischen Rückmeldung lohnen sich die Fragen: Dient das, was ich sagen möchte, tatsächlich der Arbeit und der Person, die sie geleistet hat? Kann ich benennen, was problematisch ist und weshalb?
- Vor einem Lob ist eine andere Prüfung sinnvoll: Habe ich etwas Konkretes wahrgenommen, das ich wirklich beurteilen kann? Kann ich genau sagen, was gelungen ist und welche Wirkung es hatte?
Wer solche Fragen ernst nimmt, verändert bereits die Qualität des Feedbacks. Die Rückmeldung wird genauer. Und Genauigkeit hat einen psychologischen Nebeneffekt: Sie erleichtert es, eine Aussage auf die konkrete Leistung zu beziehen, statt sie als pauschales Urteil über die eigene Person zu verstehen.
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Quellen
Ausgangsbeiträge
[1] How to Take – And Give – Criticism Well (Autor: Arthur C. Brooks, @The Atlantic, 13.06.2024; Paywall).
https://www.theatlantic.com/ideas/archive/2024/06/criticism-happiness-wellbeing-defensiveness/678647/
[2] A Compliment That Really Means Something (Autor: Arthur C. Brooks, @The Atlantic, 15.08.2024; Paywall).
https://www.theatlantic.com/ideas/archive/2024/08/give-great-compliment-happiness/679447/
Ergänzende Literatur
[3] Adolphs, R. (2009). The Social Brain: Neural Basis of Social Knowledge. Annual Review of Psychology, 60: 693–716. doi:10.1146/annurev.psych.60.110707.163514. Abrufbar unter:
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2588649/
[4] Bonduelle, S. L. B., Chen, Q., Wu, G. R., Braet, C., De Raedt, R., & Baeken, C. (2021). Exposure to Criticism Modulates Left but Not Right Amygdala Functional Connectivity in Healthy Adolescents: Individual Influences of Perceived and Self-Criticism. Frontiers in Psychiatry, 12: 673805. DOI: 10.3389/fpsyt.2021.673805. Abrufbar unter:
https://www.frontiersin.org/journals/psychiatry/articles/10.3389/fpsyt.2021.673805/full
[5] van Schie, C. C., Chiu, C.-D., Rombouts, S. A. R. B., Heiser, W. J., & Elzinga, B. M. (2018). When compliments do not hit but critiques do: an fMRI study into self-esteem and self-knowledge in processing social feedback. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 13(4), 404–417. DOI: 10.1093/scan/nsy014. Abrufbar unter: https://academic.oup.com/scan/article/13/4/404/4911785
Illustration: KI-generiert mit ChatGPT (OpenAI)