Der Staat verlangt korrekte und vollständige Angaben – kommuniziert aber selbst oft in einer Sprache, die sogar gut informierte Bürgerinnen und Bürger ins Grübeln bringt. Eines der wohl bekanntesten Beispiele ist die Steuererklärung. Gerade daran zeigt sich, dass mangelnde Verständlichkeit kein Stilproblem ist, sondern reale Folgen nach sich zieht: Unsicherheit, Fehler und unnötiger Aufwand.
Es ist jedes Jahr aufs Neue zum Haareraufen: Millionen Menschen sollen ihre Steuererklärung korrekt, fristgerecht und möglichst digital erledigen – und bekommen dafür Unterlagen, die größtenteils so klingen, als seien sie für Fortgeschrittene mit Hang zum Verwaltungsjargon geschrieben. Nicht nur einzelne Begriffe sind das Problem: Es ist die komplette Satzlogik. Da werden Voraussetzungen, Ausnahmen, Rückausnahmen, Querverweise und Rechtsfolgen so ineinander verschachtelt, dass aus einer Hilfe ein Rätsel wird. Wer das nicht auf Anhieb durchdringt, muss raten, googeln, das KI-Orakel befragen oder – um auf Nummer sicher zu gehen – eine Steuerberatung oder einen Lohnsteuerhilfeverein konsultieren. Das ist weit entfernt von Friedrich Merz’ Forderung aus dem Jahr 2003, die Steuererklärung müsse so vereinfacht werden, dass sie auf einen Bierdeckel passe. Eine kleine Kostprobe gefällig?
Vorher: amtlicher Wortlaut
Auszug aus der Ausfüllanleitung zur Anlage N:
„Fehlt die dauerhafte Zuordnung oder ist sie nicht eindeutig, ist die erste Tätigkeitsstätte die betriebliche Einrichtung, an der Sie typischerweise arbeitstäglich oder je Arbeitswoche zwei volle Arbeitstage oder mindestens ein Drittel Ihrer vereinbarten regelmäßigen Arbeitszeit dauerhaft tätig werden sollen.“
❌ Nachteil: Ein Satz enthält mehrere Bedingungen, drei alternative Kriterien und viel Abstraktion in einem Atemzug.
Nachher: angepasster Wortlaut
Gleicher Inhalt, verständlicher formuliert:
„Ihr Arbeitgeber weist Ihnen normalerweise einen festen Arbeitsort zu, zum Beispiel ein Büro oder eine Filiale. In manchen Berufen ist das nicht der Fall, etwa wenn Sie an wechselnden Orten arbeiten. In diesem Fall müssen Sie angeben, wo Ihre erste Tätigkeitsstätte liegt. Das ist der Ort, an dem Sie regelmäßig arbeiten. Regelmäßig bedeutet: Sie arbeiten dort täglich, an mindestens zwei vollen Tagen pro Woche oder mindestens ein Drittel Ihrer Arbeitszeit.“
✅ Vorteil: Die Informationen werden in mehrere Sätze zerlegt. Fachbegriffe werden erläutert.
Genau deshalb ist das Thema weit mehr als eine Stilfrage
Unverständliche Steuerunterlagen kosten Zeit, Nerven und Geld. Angaben des Finanzministeriums zufolge benötigen private Haushalte für ihre Steuererklärung im Schnitt mehr als 9 Stunden. Das sind keine Peanuts. Wenn man dann noch bedenkt, dass 10,6 Millionen Erwachsene in Deutschland über geringe Lese- und Schreibkompetenzen verfügen (20 % der Bevölkerung), wird sehr schnell klar: Hier wird ein Pflichtprozess unnötig schwer gemacht. Ein Staat, der korrekte Angaben verlangt, darf seine Bürgerinnen und Bürger nicht erst durch Sprachnebel schicken.
Die Steuererklärung ist kein Randthema
- 14,9 Millionen Menschen ließen sich laut Statistischem Bundesamt (Destatis, 2021) zur Einkommensteuer veranlagen.
- > 9 Stunden benötigen private Haushalte im Schnitt für ihre Steuererklärung.
- 20 % der Erwachsenen zwischen 16 und 65 Jahren verfügen nur über geringe Lese- und Schreibkompetenzen.
Unverständliche Steuerkommunikation ist damit keine Stilfrage. Sie betrifft Aufwand, Teilhabe und Akzeptanz.
Das Absurde daran: Niemand kann behaupten, das Problem sei neu
Seit Jahren wird über bürgernahe Sprache, bessere Benutzerführung und verständlichere Verwaltungskommunikation gesprochen. Es gibt Projekte in der Finanzverwaltung, die genau daran arbeiten. Es gibt digitale Angebote, die zeigen, dass man Menschen auch durch komplexe Vorgänge lotsen kann, statt sie mit der Besteigung des behördlichen Mount Everest alleinzulassen. Und es gibt heute KI-Werkzeuge, mit denen sich Fachtexte systematisch auf Verständlichkeit prüfen, strukturieren und überarbeiten lassen. Natürlich ersetzt KI keine steuerrechtliche Prüfung. Aber sie nimmt niemandem die Ausrede ab, unverständliche Sprache für alternativlos zu erklären.
Präzision und Verständlichkeit schließen sich nicht aus
Ein klarer Satz büßt nicht an Genauigkeit ein. Im Gegenteil: Wer klar formuliert, verringert Missverständnisse, Rückfragen und Fehlangaben. Wer dagegen aus der Innensicht der Verwaltung schreibt, produziert Texte, die formal vielleicht korrekt, praktisch aber schwer verdaulich sind. Das Ergebnis ist bekannt: Menschen fühlen sich unsicher, machen mehr Fehler oder delegieren eine alltägliche Pflicht an Dritte, weil die Sprache sie aus dem Vorgang drängt.
Darum reicht es nicht, Formulare einfach online zu stellen
Sie müssen sprachlich neu gedacht werden: weniger Kategorien des Verwaltungsdenkens, mehr Fragen aus der Lebenswirklichkeit. Weniger Sprachnebel, mehr Orientierung. Weniger Schachtelsätze, mehr klare Schritte. Die Botschaft an den Fiskus: Drückt euch endlich verständlich aus! Es ist möglich. Es ist nötig. Und mit heutigen Mitteln gibt es wirklich keinen guten Grund mehr, dieses Thema weiter liegen zu lassen. Wer bei Bürokratieabbau ernst genommen werden will, sollte genau dort anfangen.
Worum es jetzt gehen muss
Drei einfache Anforderungen an eine zeitgemäße Steuerkommunikation:
- Hauptinformationen in Hauptsätze
Regeln, Voraussetzungen und Ausnahmen sollte man nicht in einem einzigen Schachtelsatz verdichten. - Fachbegriffe kurz einordnen
Fachlichkeit ist legitim, aber zur Orientierung sind Erläuterungen sehr hilfreich. - Verständlichkeit verbindlich prüfen
Formulare, Erläuterungen und digitale Eingabestrecken sollten vor Veröffentlichung anhand des Hamburger Verständlichkeitsmodells bewertet und Testleser:innen zur Prüfung vorgelegt werden.
Wer korrekte Angaben verlangt, muss klar kommunizieren.
Quellen:
Bild: KI-generiert mit ChatGPT.
Blaufus, K., Hechtner, F. & Jarzembski, J. K. (2019): The Income Tax Compliance Costs of Private Households: Empirical Evidence from Germany. Public Finance Review, 47(5), 925–966.
https://doi.org/10.1177/1091142119866147
Bundesfinanzministerium (2024): Abschlussbericht „Weniger Bürokratie, mehr Digitalisierung – Wege zu einer bürgerfreundlichen Einkommensteuer“.
https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Downloads/Broschueren_Bestellservice/bericht-kommission-buergernahe-einkommensteuer.html
Bundesfinanzministerium (2025): Gutachten „Vereinfachte Einkommensbesteuerung – Möglichkeiten und Grenzen illustriert am Beispiel steuerlicher Abzüge in der Arbeitnehmerbesteuerung.
https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Downloads/Ministerium/Wissenschaftlicher-Beirat/Gutachten/vereinfachte-einkommensbesteuerung.pdf?__blob=publicationFile&v=8
ELSTER: Anleitung zur Einkommensteuererklärung 2025.
https://www.elster.de/eportal/helpGlobal?themaGlobal=help_est_ufa_10_2025
ELSTER: einfachELSTERplus.
https://www.elster.de/eportal/infoseite/einfachelsterplus
Statistisches Bundesamt (Destatis, 2021): Steuererklärung – durchschnittliche Rückerstattung und Nachzahlung.
https://www.destatis.de/DE/Themen/Staat/Steuern/Lohnsteuer-Einkommensteuer/im-fokus-steuererklaerung.html
Universität Hamburg (2025): Sonderanalyse „LEO PIAAC 2023“ zur stagnierenden geringen Literalität in Deutschland.
https://www.uni-hamburg.de/newsroom/presse/2025/pm36.html