Nokia-Handys, analoge Kameras, Vinyl-Schallplatten, CDs: Dinge, die längst überholt schienen, erleben ein erstaunliches Comeback. Menschen legen sich wieder „Dumbphones“ zu, fotografieren auf Film oder hören Musik auf Geräten, die sehr viel weniger können als das Smartphone in ihrer Tasche. Retro-Charme allein erklärt diese Entwicklung kaum. Interessanter ist die Frage, wonach wir uns eigentlich sehnen, wenn wir solche Dinge zurückholen.
Eine Podcast-Folge des Magazins The Atlantic geht genau dieser Frage nach. Zu Gast ist der Psychologe Clay Routledge, der seit Jahren zu Nostalgie forscht.
Nostalgie als psychologische Ressource
Routledges Perspektive ist deshalb interessant, weil er Nostalgie nicht als sentimentales Schwelgen in besseren Zeiten beschreibt, sondern als psychologische Ressource: Der Blick zurück kann helfen, Abstand von einer als belastend oder unübersichtlich erlebten Gegenwart zu gewinnen und deutlicher wahrzunehmen, was einem gerade fehlt.
Dabei richtet sich Nostalgie erstaunlich oft nach vorn. Erinnerungen an frühere Erfahrungen können Hinweise darauf geben, was auch künftig wichtig sein könnte. Wer an eine Zeit denkt, in der bestimmte Dinge besser, befriedigender oder sinnstiftender waren, entwirft damit zugleich eine Vorstellung davon, wie das eigene Leben wieder werden könnte.
Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die man nicht erlebt hat
Interessant ist in diesem Zusammenhang der Blick auf die Gen Z – je nach Abgrenzung die ungefähr Mitte der 1990er- bis Anfang der 2010er-Jahre Geborenen. In einer von Routledge zitierten Erhebung wünschten sich 60 Prozent der Angehörigen dieser Generation eine Zeit zurück, bevor alle ständig „plugged in“ waren. Das ist insofern bemerkenswert, als viele von ihnen gar keine eigenen Erinnerungen an eine Welt ohne Internet oder allgegenwärtige digitale Vernetzung haben.
Routledge spricht deshalb von einer Form historischer Nostalgie. Menschen greifen dabei auf einen kulturell geteilten Erinnerungsbestand zurück: auf Erzählungen, Bilder, Musik, Filme, Gegenstände und Erfahrungen anderer Generationen. Man kann sich offenbar nach einer Vergangenheit sehnen, die man selbst nie erlebt hat.
Entscheidend ist dabei: Die meisten Menschen wollen nicht tatsächlich in der Vergangenheit leben. Wer sich nach den 1990er-Jahren sehnt, möchte deshalb noch lange nicht auf medizinischen Fortschritt, gesellschaftliche Veränderungen, Navigationssysteme oder Onlinebanking verzichten. Nostalgie richtet sich meist auf bestimmte Elemente der Vergangenheit, die aus heutiger Sicht attraktiv erscheinen. Dass jemand – wie im LinkedIn-Feed zu lesen – sich kürzlich auf dem Flohmarkt begeistert einen Ghettoblaster von 1996 gekauft hat, den er sich schon als Teenager so sehr gewünscht hatte, passt erstaunlich gut in dieses Bild. Die Vergangenheit muss nicht zurückkehren, damit einzelne Dinge aus ihr wieder Bedeutung bekommen.
Für die Sehnsucht nach einer prädigitalen Welt verdichtet Routledge diese Elemente auf zwei Begriffe: Kontrolle und Gemeinschaft.
Kontrolle: wenn das Gerät kein Ende kennt
Der Wunsch nach Kontrolle zeigt sich besonders deutlich am Smartphone. Frühere Geräte hatten meist eine überschaubare Funktion. Eine Kamera machte Fotos, ein MP3-Player spielte Musik, ein Wecker beendete den Schlaf, ein Telefon übertrug Sprache. Auch der Computer hatte lange einen festen Ort: Man setzte sich davor, nutzte ihn und stand irgendwann wieder auf.
Heute steckt all das in einem einzigen Gerät. Das Smartphone ist Arbeitsmittel, Kamera, Navigationssystem, Zeitung, Kalender, Kommunikationszentrale, Unterhaltungsmedium und sozialer Treffpunkt zugleich. Genau darin liegt seine enorme Nützlichkeit – und zugleich eine psychologisch relevante Besonderheit: Wo zieht man die Grenze im alltäglichen Gebrauch?
Geräte mit nur einer Funktion haben eine eingebaute Grenze. Ist die Aufgabe erledigt, gibt es keinen Anlass, auf dem Gerät zu bleiben. Das Smartphone verlagert diese Grenze ins eigene Verhalten: Weil auf jede Funktion sofort die nächste folgen kann oder Funktionen sich sogar überlagern, muss man die Nutzungsdauer immer wieder selbst im Auge behalten. Permanente Verfügbarkeit fordert Aufmerksamkeit und Selbststeuerung – und kann dazu führen, dass sich der Umgang mit dem Smartphone weniger selbstbestimmt anfühlt.
Gemeinschaft: was mit der Bequemlichkeit verloren gehen kann
Routledges zweiter Begriff, Gemeinschaft, führt noch etwas weiter. Digitale Medien erleichtern es, Kontakte zu halten, Veranstaltungen zu organisieren und Menschen kennenzulernen, denen man sonst wahrscheinlich nie begegnet wäre. Gleichzeitig scheint gerade bei jüngeren Menschen das Gefühl zu wachsen, dass computergestützte Beziehungen etwas nicht vollständig ersetzen können: ungeplante Begegnungen, geteilte Situationen, körperliche Anwesenheit.
Im Podcast erzählt die Journalistin Julie Beck von einer Reise im Jahr 2013, als sie noch kein Smartphone hatte. Übermüdet vom Jetlag, schlief sie auf dem Weg zum Hotel im Bus ein. Als sie aufwachte, wusste sie nicht, ob sie ihre Haltestelle verpasst hatte oder nicht, und war auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen. Eine junge Frau half ihr weiter und zeichnete ihr den Weg auf ein Stück Papier; später begleitete sie ein Mann auf ihrem Weg zum Hotel, der eigentlich Mc Donald’s suchte. Beck erinnert sich an die Situation gerade deshalb so intensiv, weil aus ihrer Hilflosigkeit diese unerwarteten kommunikativen Begegnungen entstanden. Mit Google Maps wären sie vermutlich ausgeblieben.
Natürlich ist Orientierungslosigkeit per se noch keine bereichernde Erfahrung. Interessant ist vielmehr, welche Erlebnisse durch technische Bequemlichkeit seltener werden, ohne dass wir es unbedingt bemerken. Effizienz löst Probleme. Manchmal verhindert sie dabei aber zugleich Situationen, aus denen Nähe oder Kooperation entstehen könnten.
Genau diese Ambivalenz macht Techniknostalgie interessanter als die einfache Behauptung, früher sei alles besser gewesen. Routledge unterscheidet Nostalgie ausdrücklich von
„Declinism“, also der Überzeugung, dass die Gegenwart grundsätzlich schlechter sei als die Vergangenheit. Nostalgie kann sehr selektiv sein. Sie bewahrt einzelne Erfahrungen, Werte oder Praktiken auf, während der Rest der Vergangenheit dort bleiben darf, wo er ist.
Was KI mit der neuen Lust am Analogen zu tun haben könnte
Vielleicht erklärt das auch, warum analoge Praktiken ausgerechnet jetzt wieder attraktiv erscheinen. Im Podcast bringt Routledge noch einen weiteren Faktor ins Spiel: künstliche Intelligenz. Wenn Maschinen zunehmend Aufgaben übernehmen, die lange als genuin menschliche Domäne galten – kognitive und inzwischen auch kreative Tätigkeiten –, werde die Frage dringlicher, was menschliche Erfahrung eigentlich ausmacht.
Routledge nennt dabei Körperlichkeit, Emotion, Spiritualität, sinnliche Erfahrung und unmittelbaren Kontakt mit anderen Menschen. Das klingt zunächst weit entfernt vom Kauf einer Schallplatte oder einer analogen Kamera. Bei genauerem Hinsehen besteht aber eine Verbindung: Eine Platte muss aufgelegt werden, ein Buch wird in die Hand genommen, beim analogen Fotografieren entsteht nicht unmittelbar ein zweites digitales Leben aus Benachrichtigungen, Nachrichten und Empfehlungen. Manche dieser Praktiken holen Aufmerksamkeit stärker in eine konkrete Situation zurück.
Dabei wäre es zu einfach, analoge Medien automatisch mit einem besseren oder bewussteren Leben gleichzusetzen. Auch ein Plattenspieler kann zum Konsumobjekt werden, und niemand führt zwangsläufig tiefere Gespräche, nur weil das Smartphone in der Tasche bleibt.
Routledges Gedanke ist interessanter: Die gegenwärtige Nostalgie kann Hinweise darauf geben, welche Qualitäten Menschen in einer zunehmend digitalisierten Umwelt stärker vermissen.
Kontrolle gehört offenbar dazu. Begrenzung ebenfalls. Und Gemeinschaft, verstanden als reale Anwesenheit, geteilte Aufmerksamkeit und Erfahrungen, die nicht durch personalisierte Feeds voneinander getrennt werden.
Der Blick zurück richtet sich nach vorn
Darin liegt zugleich der zukunftsgerichtete Kern dieser Nostalgie. Die Vergangenheit liefert keine Blaupause, zu der wir zurückkehren könnten, und 1996 wird nicht wiederkommen. Sie kann aber sichtbar machen, welche Elemente wir in die Gegenwart zurückholen möchten und welche Bedingungen wir für unseren zukünftigen Umgang mit Technik brauchen.
Der Blick zurück muss deshalb kein Rückzug sein. Er kann ein ziemlich präzises Diagnoseinstrument für die Gegenwart werden – und eine Orientierungshilfe für die Frage, wie wir künftig mit Technik (und KI) leben wollen.
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Quelle
Would You Go Back to a Time Before Smartphones If You Could? Turns out, looking back is also about looking forward.
(Autorinnen: Julie Beck und Natalie Brennan, The Atlantic, Podcasts, 27.07.2026)
Abrufbar unter:
https://www.theatlantic.com/podcasts/2026/07/would-you-go-back-to-a-time-before-smartphones-if-you-could/688011/
Illustration: KI-generiert mit ChatGPT (OpenAI)