Alle Jahre wieder kommen im Januar die Sternsinger … und gibt es das „Unwort des Jahres“. Eine liebgewonnene Tradition für die einen, den anderen ein Dorn im Auge.
Wer steckt hinter dem Unwort?
Das „Unwort des Jahres“ wird von der „Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“ der Philipps-Universität Marburg (auch „Unwort-Aktion“ genannt) veröffentlicht, einem fünfköpfigen Gremium aus Sprach- und Medienwissenschaftlern, das sich 1994 von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) abgespalten hat. Zusätzlich werden für jedes Jahr ein oder zwei weitere Jurymitglieder bestimmt, die meist aus der Kultur- und Medienwelt stammen. Die Unwort-Aktion hat es sich auf die Fahne geschrieben, Begrifflichkeiten aus der öffentlichen Kommunikation und aus den Medien, die „gegen sachliche Angemessenheit und Humanität verstoßen“, publik zu machen. Aus den das Jahr über eingereichten Vorschlägen wird dann ein „Unwort des Jahres“ gewählt.
In den Vorjahren waren das zum Beispiel „Rentnerschwemme“ (1996) oder „Wohlstandsmüll“ (1997) – häufige Schlagworte in der Regenbogenpresse, die verwendet wurden, um Stimmung zu machen gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen. In jüngerer Zeit waren es zum Beispiel „Lügenpresse“ (2014), „Gutmensch“ (2015) oder „Volksverräter“ (2016) – Kampfbegriffe der Rechten im Zusammenhang mit dem Anstieg der Migration nach Deutschland. Die zur Wahl stehenden Wörter sind also immer auch ein wenig das Spiegelbild ihrer Zeit.
Die „Unwort-Aktion“ wurde vielfach als „Sprachpolizei“ bezeichnet, die sich in kontroversen aktuellen Diskussionen auf eine Seite stellt und die Überzeugung der politisch anderen Seite als falsch brandmarkt. Die Subjektivität bei der Wahl der jeweiligen Ausdrücke liegt auf der Hand, denn die Mitglieder der „Unwort“-Jury sind politisch eher dem linken Spektrum zuzuordnen.
Die Wahl des „Unworts“ ist aber in keiner Weise als demokratische Entscheidung zu verstehen, sondern als die Wertung einer Gruppe Gleichgesinnter, die ihre eigenen Überzeugungen zugrunde legen.
„Biodeutsch“ – ein umstrittenes Unwort
Die „Unwort-Aktion“ hat nun „biodeutsch“ zum „Unwort des Jahres 2024“ gekürt. Zuerst stellte sich mir die Frage: Was soll daran falsch sein? Es handelt sich ja in erster Linie um eine augenzwinkernde (Selbst-)Bezeichnung von Deutschen ohne Migrationshistorie anhand eines Vergleichs mit dem Gütesiegel für biologischen Anbau.
Die Begründung der Wahl war, dass durch die Verbindungselemente „bio(logisch)“ und „deutsch“ eine rassistische, biologistische Vorstellung von Nationalität konstruiert wird, hauptsächlich zur Ausgrenzung und Abwertung von Deutschen mit Migrationsbiographie. Die Verknüpfung dieser Adjektive erinnere unterschwellig an die Vorstellung der Nationalsozialisten von einer „deutschen Rasse“; die Verwendung dieses ursprünglich ganz anders gebrauchten Begriffes würde in seiner wörtlichen Bedeutung der beiden Bestandteile zu einer Art Alltagsrassismus beitragen.
Dies leuchtet ein, aber wurde „biodeutsch“ so reflektiert gebraucht? Das Wort kam in Mode als kurze, knackige Bezeichnung – vor allem in der Medienwelt – für „Deutsche ohne Migrationshintergrund“, und jetzt sieht es so aus, als könne man dies nur umschreiben, ähnlich wie zum Beispiel „Menschen mit Behinderung“. Diese als rassistisch empfundene Lesart hatte der Begriff vorher nicht, und hier greift die Kritik vieler an der Unwort-Aktion: dass sie durch ihre Deutung eines an sich nicht diskriminierend gebrauchten Wortes erst eine diskriminierende Bedeutung kreiert, was ihrem eigentlichen Ziel, auf unangemessenen, diffamierenden Sprachgebrauch aufmerksam zu machen, zuwiderläuft.
Zum Verhältnis der eingereichten Vorschläge für das „Unwort des Jahres 2024“: Von den 3.172 Einreichungen für 2024 mit 655 Begriffen wurden 80 „herausgefiltert“, die den von der Jury aufgestellten Kriterien entsprechen, die da sind:
- Der Begriff verstößt gegen das Prinzip der Menschenwürde.
- Er verstößt gegen die Prinzipien der Demokratie.
- Er diffamiert, stigmatisiert oder diskriminiert gesellschaftliche Gruppen.
Auf den für 2024 gewählten Ausdruck „biodeutsch“ entfielen ganze 10 Einsendungen, er hat sich aber gegen zahlenmäßig überlegene Vorschläge wie z. B. „kriegstüchtig“ mit 58 Einsendungen oder „Nutztier“ mit sage und schreibe 1.227 Einsendungen durchgesetzt. Den zweiten Platz machte der Begriff „Heizungsverbot“, der im Zusammenhang mit dem Gebäudeenergiegesetz verwendet wurde.
Das Unwort als Un-Wort?
Sprachlich gesehen ist „Unwort“ an sich schon ein „Un-Wort“, denn die Silbe „Un“ drückt schon in harmloseren Wörtern eine Verneinung und eine leichte Ablehnung aus, wie z. B. „Unwille“ oder „Unglaube“. Bei „Unmensch“, „Untier“ oder gar „Unkraut“ spricht man den bezeichneten Dingen sogar ihr Sein ab, schließlich handelt es sich zuallererst um einen Menschen, ein Tier oder eine Pflanze. Bei „Unding“, „Ungeist“ oder wie in diesem Fall „Unwort“ ist die Bewertung als schlecht, negativ oder unangemessen dann eindeutig. Es handelt sich also um eine mehr oder wenige subjektive Zuordnung oder Ablehnung, z. B. von Hobbygärtnern im Fall von „Unkraut“ oder strenggläubigen Menschen im Fall von „Unglaube“.
Unwörter der Nachbarländer
Die Aktion „Unwort des Jahres“ gibt es übrigens auch in der Schweiz und in Österreich, wo für 2024 „Volkskanzler“ gewählt wurde, ein Begriff aus der NS-Zeit, den der Populist und FPÖ-Chef Kickl, der vom österreichischen Bundespräsidenten mit der Regierungsbildung betraut wurde, für sich reklamiert. Es spricht also viel dafür, dies als „Unwort“ zu bezeichnen. Ebenso wie „Remigration“, Unwort des Jahres 2023, als Verschleierung der politischen Forderung der Rechten, Menschen mit Migrationsgeschichte generell abzuschieben.
Es ist also nicht grundsätzlich verkehrt, sein Augenmerk auf diffamierenden Sprachgebrauch zu lenken, man sollte diese Wahl jedoch auch nicht überbewerten und lediglich als Anregung zur Sprachreflexion begreifen.
Beim Unwort mitbestimmen
Wer sich an der „Unwort-Aktion“ beteiligen möchte, kann dies tun und unter
www.unwortdesjahres.net\vorschlag-einreichen
öffentlich geäußerte Begriffe oder Formulierungen des jeweiligen Jahres einreichen, die „gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität“ verstoßen. Hierzu sollte die Quelle des sprachlichen Missgriffs und ggf. eine Begründung genannt werden.
Vielleicht wird daraus ja das nächste „Unwort des Jahres“ gewählt.
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